Am seidenen Faden: Lehren aus 100 Jahren Aktienmarkt
In der Serie InvestmentInsights greifen wir Themen auf, die die Finanzmärkte und damit die Portfolios Ihrer Kunden bewegen. Diesmal nehmen wir eine der meistzitierten Kapitalmarktstudien der vergangenen Jahre unter die Lupe und fragen, welche Schlüsse Anleger daraus tatsächlich ziehen sollten.
Dass Aktien langfristig 7 bis 10 Prozent pro Jahr abwerfen, gilt nahezu als Naturgesetz der Geldanlage. Über 100 Jahre erzielte der US-Aktienmarkt eine jährliche Rendite von 10,5 Prozent (in US-Dollar). Diese attraktiven Renditen gab es nicht nur im ältesten Aktienmarkt der Welt, den USA, sondern in vielen Regionen. Europa kam seit 1994 auf rund 8 Prozent, die Schwellenländer auf über 6 Prozent. Zugleich zeigt Japan, wo der Aktienmarkt zwischen 1994 und 2026 weniger als 4 Prozent pro Jahr einbrachte, dass hohe Renditen alles andere als ein Selbstläufer sind. Auch einzelne Branchen wie Banken oder Energie mühen sich immer wieder über ganze Jahrzehnte, überhaupt ins Plus zu kommen.
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Bei rund 10 Prozent pro Jahr, was übrigens eine Verdopplung des Kapitals alle sieben Jahre bedeutet, stößt man bei genauerem Hinsehen auf eine bemerkenswerte Erkenntnis. Die typische US-Aktie der vergangenen 100 Jahre hat Geld verloren. Der Median aus 29.754 Titeln liegt über die gesamte Lebensdauer bei minus 6,9 Prozent, Erstaunlich ist allerdings, dass der Durchschnitt aller Aktien dagegen mehr als 30.000 Prozent im Plus liegt. Wie passt das zusammen und was bedeutet es für Ihre Kunden?
Hendrik Bessembinder, Finanzprofessor an der Arizona State University, hat die übliche Perspektive radikal umgedreht. Statt auf den Marktdurchschnitt zu schauen, fragt er, wie sich der Erfolg auf die einzelnen Aktien verteilt. Seine Auswertung über 100 Jahre, von 1926 bis 2025, fördert Zahlen zutage, die man erst einmal sacken lassen muss. 1
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Hinter dieser Asymmetrie steckt die positive Schiefe. Eine Aktie kann höchstens 100 Prozent verlieren, aber das Tausendfache gewinnen. Wenige Extremgewinner heben den Durchschnitt weit über den Median. Zu ihnen zählen junge Disruptoren wie Apple, Nvidia, Alphabet oder Amazon, aber auch Dauerläufer über Jahrzehnte wie Coca-Cola oder Johnson & Johnson.
Kurz gesagt, die glänzende Aktienmarktrendite ist kein Breitenphänomen. Sie ist das Werk einer winzigen Elite außergewöhnlicher Unternehmen.
Die naheliegende Schlussfolgerung überzeugt. Wenn niemand vorher weiß, welche Titel künftig zu den entscheidenden 3,7 Prozent gehören, dann besitzt man sie am zuverlässigsten, indem man einfach alle Aktien besitzt. Jack Bogle, Gründer von Vanguard, hat es auf den Punkt gebracht. „Suchen Sie nicht nach der Nadel im Heuhaufen. Kaufen Sie einfach den Heuhaufen.“ Wer breit streut, hat die künftigen Gewinner automatisch im Depot, und einzelne Nieten fallen kaum ins Gewicht.
Ein Hinweis zum Verständnis von breitem Investieren. Ein MSCI-World-ETF wirkt mit 1.283 Aktien zwar breit gestreut, umfasst aber weniger als die Hälfte eines FTSE-All-World-ETF mit 3.739 Titeln oder gar eines systematischen Dimensional-Fonds mit über 7.000 Werten.
Diese Lesart ist überzeugend. Für die meisten Anleger ist der breit gestreute Marktbesitz ein hervorragender Startpunkt. Er lässt sich heute sehr günstig über Index-ETFs und Indexfonds umsetzen. Anleger agieren ohne Prognose und nehmen die Rendite des Marktes für sich mit, also die des Durchschnitts und nicht die des Medians. Gleichgewichtete Ansätze wie Equal-Weight-ETFs, die aus Risikoüberlegungen gern in den Finanzmedien oder von Profis empfohlen werden, hängen dagegen stärker vom Median als vom Durchschnitt ihrer Aktien ab.
Bessembinders Studie trägt aber noch eine zweite Botschaft, die in der Debatte meist untergeht. Dieselben Zahlen belegen nämlich, dass es die Vervielfacher tatsächlich gibt. 17 US-Aktien erzielten kumulierte Renditen von mehr als fünf Millionen Prozent. Wer Mehrrendite anstrebt, weil er sie braucht oder selbst entscheiden und dem Markt nicht einfach ausgeliefert sein möchte, findet hier den Beleg. Die Suche kann sich lohnen, auch wenn das Finden alles andere als trivial ist.
Bemerkenswert ist ein Detail: die annualisierte Rendite dieser 17 Spitzenreiter lag im Schnitt bei lediglich 13,45 Prozent. Ihr Erfolg entstand vor allem aus der extrem langen Haltedauer und dem Zinseszins. Es braucht also nicht den einen genialen Moment des Timings, sondern vor allem Geduld über Jahrzehnte. Das ist besonders für jüngere Anleger spannend und für alle, die über das eigene Leben hinaus anlegen möchten. Ein Erfolgsrezept à la Warren Buffett.
Wenn die berühmten 7 bis 10 Prozent pro Jahr an einer Handvoll Innovationen und einzigartiger Geschäftsmodelle hängen, wie selbstverständlich darf man sie dann für die Zukunft voraussetzen?
David Booth, Mitgründer von Dimensional, bringt es treffend auf den Punkt: wer den Markt kauft, investiert in menschlichen Erfindergeist. Die Marktrendite ist kein Automatismus und kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis weniger Ausnahmeunternehmen wie Apple oder Nvidia. Garantiert sind diese nicht. Genau deshalb hängt die historische Rendite buchstäblich am seidenen Faden.
Die Frage ist nicht, ob Apple, Alphabet oder Nvidia außergewöhnliche Unternehmen sind. Die spannendere Frage lautet, wie viele Investoren 1997 die Rückkehr von Steve Jobs und damit Apples Produktinnovationen, ab 2004 die Dominanz der Google-Suchwerbung oder 2022 den KI-Boom und die Eignung von Nvidias Grafikprozessoren für das KI-Training realistisch vorhersehen konnten. Bessembinders Ergebnisse zeigen nicht nur, dass wenige Unternehmen den Markt getragen haben. Sie zeigen auch, wie schwer diese Unternehmen im Voraus zu erkennen waren.
Breite Diversifikation ist daher die Grundvoraussetzung. Zugleich bleibt die Suche nach den nächsten Ausnahmeunternehmen die zentrale Herausforderung aktiver Investoren. Bessembinders Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, warum es selbst für professionelles aktives Management schwer ist, einfache Indexkonstruktionen dauerhaft zu übertreffen. Gleichzeitig machen sie deutlich: Chancen für aktive Investoren liegen nicht nur darin, die wenigen Outperformer zu finden, sondern auch darin, die vielen Underperformer konsequent zu meiden.
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Bessembinder liefert eine Landkarte für erfolgreiches Investieren. Drei Schlüsse halten wir für tragfähig.
Am Ende muss das Geld über reale Investmentprodukte angelegt werden und davon gibt es mittlerweile mehr als genug. Interessant ist, dass sich sogar die großen Verfechter des breiten Investierens beim „Wie“ nicht einig sind. Das zeigt, wie viel Spielraum die Ergebnisse und die Studie tatsächlich lassen.
Indexvertreter wie der ETF-Gigant Vanguard setzen konsequent auf die Gewichtung nach Börsenwert. So bilden sie den Markt kostengünstig und mit geringem Abbildungsfehler ab. Gleichgewichtete Ansätze, denen Bessembinders Erkenntnisse eigentlich den Boden entziehen, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Dimensional Fund Advisors streut ebenso breit, startet beim Börsenwert, aber richtet das Portfolio gezielt aus in Richtung Faktorprämien wie Größe, also Smallcap, und Substanz, also Value.
Zwei Häuser, dieselbe Grundüberzeugung und trotzdem zwei verschiedene Philosophien. Dazu kommt die neuere Diskussion um die vermeintlichen Vorteile einer gleichgewichteten oder BIP-gewichteten Anlage. Man mag es drehen und wenden, wie man will. Ein wirklich neutrales Marktportfolio existiert nicht.
Auch beim aktiven Management ist das Bild vielschichtiger, als die Debatte vermuten lässt. Sogar der Indexpionier Vanguard beschreibt für den US-Markt, wie erfolgreiches aktives Investieren gelingen kann. Als Erfolgsfaktoren nennt das Haus niedrige Kosten, eine sinnvolle Fondsgröße, einen moderaten Turnover sowie ein erfahrenes Team mit klarer Philosophie und diszipliniertem Prozess. Ausdrücklich rät Vanguard dazu, dafür einen Finanzberater hinzuzuziehen.
Eine besonders spannende Perspektive steuert J.P. Morgan Asset Management bei, Marktführer bei aktiven ETFs. Dort gewichtet man Einzeltitel bewusst anders oder lässt sie ganz weg. Die Kernfrage lautet nicht breit oder fokussiert, sondern: Schließt ein Ansatz künftige Gewinner von vornherein aus, oder behält er sie im Blick und nimmt sie auf, sobald die Fundamentaldaten überzeugen?
Dieser Ansatz zielt nicht nur darauf, die wenigen Gewinner zu erwischen, sondern vor allem darauf, die vielen strukturellen Verlierer und Value-Traps zu meiden. Angesichts von fast 60 Prozent vermögensvernichtender Titel ist das vielleicht eine ebenso wichtige Erkenntnis. Die Nadel im Heuhaufen zu finden ist schwer. Die faulen Halme auszusortieren, fällt leichter.
Bei der Fonds Finanz analysieren wir seit über einem Jahrzehnt Fonds und seit zwei Jahren auch ETFs, um Finanzberatern verlässliche Investmentlösungen an die Hand zu geben. Partner der Fonds Finanz haben Zugriff auf mehr als 80 aktive Fonds- und 50 ETF-Empfehlungen, die auf Basis eines quantitativen und qualitativen Prozesses geprüft werden. Auf Grundlage unseres hauseigenen Kapitalmarktausblicks bestücken wir zudem die fondsbasierten Vermögensverwaltungen ComfortInvest und WealthInvest. Die Strategien bestehen aus rund 15 Fonds und ETFs und streuen breit über mehr als 1.000 Aktien und Anleihen. In der meistgenutzten Strategie „Chance“ sind über 1.400 Aktien enthalten; die Top-10-Aktien machen weniger als 14 Prozent aus, während ihr Anteil im MSCI ACWI bei rund 24 Prozent liegt. Auch US-Aktien und US-Anleihen sind bewusst niedriger gewichtet, während Schwellenländer- und Nebenwerteaktien stärker berücksichtigt werden. Mit WealthInvest verbinden Sie aktive und passive Ansätze: Sie entscheiden selbst über die Streuung und können eigene Vermögensverwaltungs-strategien mit Fonds und ETFs digital gestalten, verwalten und vertreiben.
Professor Bessembinder kürt keinen Sieger im Streit zwischen aktiv und passiv. Er liefert vielmehr die Faktenbasis für beide Lager.
Für uns folgt daraus kein Entweder-oder, sondern ein bewusstes Sowohl-als-auch. Wer breit streut, sichert sich die Marktrendite und damit die künftigen Gewinner. Wer gezielt selektiert, kann Mehrertrag anstreben und vor allem die strukturellen Verlierer meiden. Anleger sollten beide Gedanken kennen und sich für die Variante entscheiden, die zu ihren Zielen, ihren Möglichkeiten in der Umsetzung und ihrer Überzeugung passt. Im besten Fall schließen sich die beiden Wege nicht aus, sondern ergänzen sich zu einem robusteren Portfolio mit einem möglichst langen Anlagehorizont.
Bogles Rat, einfach den ganzen Heuhaufen zu kaufen, bleibt klug, solange man anerkennt, dass man damit keine Sicherheit erwirbt. Die wenigen Nadeln von morgen werden aller Voraussicht nach entstehen. Ob sie das immer an der Börse und für Anleger zugänglich tun, ist damit noch nicht gesagt. Zunehmend bleiben Firmen länger privat und außerbörslich, ehe sie reifer und höher bewertet an die Börse streben. Jüngste Beispiele sind SpaceX und womöglich OpenAI und Anthropic. Wer den seidenen Faden kennt, an dem die Marktrendite hängt, investiert bewusster. Er verlässt sich nicht allein auf historische Ergebnisse, sondern nimmt den eigenen Vermögensaufbau ein Stück weit aktiver in die Hand, ohne die Erfolgsfaktoren des Investierens – beispielsweise diszipliniert dabeibleiben und keine einseitigen Wetten – außer Acht zu lassen.
Daniel Arndt ist Abteilungsleiter des Kompetenzcenters Investment der Fonds Finanz. Er verantwortet die Bereiche Produktberatung, Serviceberatung sowie Portfoliomanagement und Analyse. Zuvor leitete Arndt das Fondsresearch der Fonds Finanz und das Portfoliomanagement der hauseigenen Vermögensverwaltung ComfortInvest. Er steuert selbst mehrere hauseigene Investmentstrategien und erstellt Markt- sowie Produktanalysen.
Seine Einschätzungen werden regelmäßig in den beliebten Fachmagazinen DAS INVESTMENT und FONDS professionell ONLINE veröffentlicht, für die der Investmentexperte als Gastautor schreibt. Bevor er sich der Fonds Finanz 2013 anschloss, durchlief er eine Banklehre, absolvierte den Studiengang zum Diplom-Volkswirt sowie eine Ausbildung zum Nachhaltigkeitsanalysten.
Quellen:
1 Hendrik Bessembinder: One Hundred Years in the U.S. Stock Markets (2026). Analyse von 29.081 US-Unternehmen und 29.754 Aktien über den Zeitraum 1926 bis 2025, www.papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=6438198.
2 Morningstar: Why Most Stocks Aren't Worth Owning (auf Basis der Forschung von Hendrik Bessembinder), www.morningstar.com/stocks/why-most-stocks-arent-worth-owning
3 Eigene Berechnungen und grafische Aufbereitung mittels Morningstar Direct per 30.06.2026